Treiber der Fachmarktentwicklung

Für einen Ausblick auf die Zukunft von Fachmärkten ist es wiederum notwendig, ihre Historie zu betrachten. Diese ist zum einen geprägt durch das Wechselspiel zwischen gesellschaftlichen und handelsspezifischen Trends, zum anderen durch die unmittelbaren Reaktionen des Einzelhandels auf diese Entwicklungen. Die Entwicklung von fachmarktprägenden Trends ist eine kontinuierliche. Am aktuellsten sind sicher der wachsende Onlinehandel, aber wohl auch die Reduzierung der Anbieter im Baumarktsegment durch Insolvenzen.

Demografischer Wandel

Ein reflexartig genannter Grund für die magere Umsatzentwicklung im deutschen Einzelhandel ist der demografische Wandel. Für viele Regionen Deutschlands trifft dies zwar zu, doch ein Vergleich zeigt, dass – zumindest quantitativ – heute dank anhaltender Migrationsbewegungen mit rund 82 Mio. Einwohnern in etwa so viele Personen in der Bundesrepublik leben wie Mitte der 1990er-Jahre. Ebenso ist bis heute (noch) kein eindeutig negativer Bevölkerungstrend zu beobachten, wie aus dem vom Statistischen Bundesamt vermeldeten Einwohnerzuwachs von rund 200.000 Personen für das Jahr 2012 hervorgeht.

Einzelhandelsumsatz schwächelt

Parallel dazu floriert die deutsche Volkswirtschaft. Seit 1994 weist sie ein beeindruckendes Durchschnittswachstum von rund 2,2 % p. a. auf. Die privaten Konsumausgaben folgten diesem Trend (+ 2,2 % p. a.), lediglich der Einzelhandelsumsatz blieb deutlich hinter dieser Entwicklung zurück (+ 0,3 % p. a.). Was führte zu dieser Entkoppelung?

Ursächlich für die stark unterproportionale Entwicklung des Einzelhandels sind Preissteigerungen in den Bereichen Energie, Wohnen und Gesundheit, die den Verbrauchern weniger Spielraum für Einzelhandelseinkäufe übrig ließen. Diese Bereiche sind allesamt nicht einzelhandelsrelevant und ihre (stark unelastische) Nachfrage hängt nur sehr gering vom Preis ab. Daraus folgt ein stetes Abschmelzen der Bedeutung des Einzelhandels am privaten Konsum, der inzwischen nur noch gut 26 % der Verbraucherausgaben ausmacht. Von den grundsätzlich positiven konjunkturellen Rahmenbedingungen der vergangenen Jahre konnte der Einzelhandel also kaum profitieren. Das hatte für die Entwicklung der Handelsunternehmen Folgen.

Verdrängungswettbewerb der Handelsunternehmen

Die von den Handelsunternehmen angepeilten Wachstums- und Renditeziele waren nur über Flächenerweiterungen erreichbar. Das führte in einem Umfeld stagnierender Einzelhandelsumsätze zu einem gravierenden Verdrängungswettbewerb. Dieser Umstand zog eine Konsolidierungswelle in den meisten Branchen des Handels nach sich, die sich in zahlreichen Geschäftsaufgaben, Unternehmensübernahmen und -kooperationen äußerte. Prominente Beispiele der letzten Jahre sind die Übernahme der Max-Bahr-Baumärkte durch Praktiker, die Überführung der Marktkauf-Baumärkte (Edeka-Gruppe) zur Toom-Baumarktkette (Rewe-Group), die Insolvenz von Schlecker sowie die Insolvenzverfahren von Karstadt oder jüngst von Praktiker und Max Bahr.


Weitere Einflussfaktoren

Parallel dazu gibt es noch weitere Einflussfaktoren für die Entwicklung von Fachmärkten, die bis heute spürbar sind. So führten beispielsweise die Suburbanisierungstendenzen am Ende des letzten Jahrhunderts auf der einen Seite und die zunehmende Mobilität der Bevölkerung auf der anderen zur teilweisen Zersplitterung des Angebots an Handelsstandorten. Zahlreiche Einkaufs- und Fachmarktzentren entstanden an autoorientierten Standorten in peripherer Lage. Inzwischen hat allerdings mit der Re-Urbanisierung eine Gegenbewegung eingesetzt, die den Einzelhandel wieder zurück in integrierte Lagen führt, allen voran in die Innenstädte. Das bedeutet für die integrierten Standorte einerseits zunehmende Wettbewerbsintensität, andererseits aber auch eine erhöhte Ausstrahlungskraft und Attraktivität.

Diese strukturellen Entwicklungen wurden von Veränderungen im Einkaufsverhalten der Verbraucher begleitet, deren Verhaltensmuster vielschichtiger geworden sind. Ehemals trennscharfe Käufergruppen wurden durch den hybriden Konsumenten abgelöst, der sowohl discountorientiert als auch markenartikelaffin kauft und dafür immer wieder verschiedene Einkaufskanäle wählt.

Die Händler wurden dadurch gezwungen, ihr Angebot klarer zu positionieren. Das gelang ihnen z. T. durch die Spezialisierung auf ein Kernsortiment. Doch auch die Industrie reagiert auf das Verhalten der Verbraucher und dringt mit eigenen, hoch spezialisierten Filialen in die Handelslandschaft ein. Als Angebotsplattform für diese vertikalisierten Betriebe fungierten anfangs ausschließlich Factory Outlet Center. Heute finden sich Herstelleroutlets, insbesondere imagebildende Flagship-Stores, zunehmend auch in prestigeträchtigen Lagen, also in den Innenstädten der großen Metropolen. Für den Bestandseinzelhandel bedeutete dies weiter zunehmenden Wettbewerbsdruck. Betriebe an schlechten Standorten wurden aufgegeben, Betriebe an guten Standorten in schlechten Immobilien durch Revitalisierung wieder marktfähig gemacht.

Auswirkungen des Onlinehandels

Zu guter Letzt befeuerte die Entwicklung des Onlinehandels, der mit jährlichen Wachstumsraten von über 20 % deutlich rasanter als der stationäre Handel zunimmt, den Strukturwandel. Die Antwort der Fachmarktbranche darauf könnte bzw. sollte lauten: Partizipation an dieser Entwicklung durch Multichannel-Strategien und Stärkung des stationären Kerngeschäfts. Diese Stärkung kann durch Angebotsbündelung in Fachmarktorientierten Shopping Centern erfolgen, die im Gegensatz zu typischen Fachmarktzentren ein deutlich breiteres Angebotsspektrum abdecken und mit einer Shopping Mall zusätzlich für mehr Vielfalt, Abwechslung und Einkaufserlebnis sorgen.

Anhand dieser Entwicklungsskizze wird deutlich, dass sich nicht nur der Handel in einer stets wandelnden Umgebung befindet. Vielmehr ist der Handel selbst wandelbar und anpassungsfähig. Vor genau diesem Hintergrund ist der aktuelle Vormarsch des Onlinehandels als Chance für Fachmärkte zu begreifen, ihre Kompetenzen verstärkt in Fachmarktzentren zu bündeln und diesen Mehrwert anschließend dem Verbraucher u. a. über das Internet zu vermitteln. Denn bei allem Erfolg des Internets als Vertriebskanal sollte nicht vergessen werden, dass Fachmarktzentren verschiedene Bedürfnisse effizienter befriedigen können, als es der Onlinehandel je tun wird. Dazu gehören die haptische Wahrnehmung und Überprüfung der Qualität, die sofortige Mitnahme der Ware und nicht zuletzt die Interaktion mit Menschen, sei es die fachkundige Servicekraft oder der gemeinsame Einkauf mit Freunden und Familie.