PropTechs – Übersicht der Start-Up-Szene in der Immobilienbranche

Es  gibt eine aktive Gründerszene in Deutschland, die sich besonders mit Digitaltechnologien beschäftigt. Diese PropTech genannten Unternehmen arbeiten an Lösungen für verschiedene Themenbereiche wie Finanzierung oder Verwaltung. Einen Enblick in das, was die Szene antreibt, wie sie sich gliedert und vieles mehr gibt das folgende Interview mit Alexander Ubach-Utermöhl, Vorsitzender der German PropTech Initiative und Geschäftsführer des blackprint PropTech Boosters.

Interview mit Alexander Ubach-Utermöl,
Vorsitzender der German PropTech Initiative
und Geschäftsführer des blackprint PropTech Bosters

Was ist ein PropTech?
Der Begriff PropTech leitet sich von „Property Technology“ ab und bezeichnet Unternehmen, die mit digitalen und skalierbaren Geschäftsmodellen Ineffizienzen in der Immobilienwirtschaft lösen. Im Ausland werden synonym auch RETech, ConTech oder RealTech verwendet. Für die German PropTech Initiative (GPTI), haben wir den Begriff auch aufgegriffen – uns war es wichtig, eine gemeinsame Klammer für diejenigen Unternehmen zu finden, die mit innovativen Technologien einen Teil unserer sehr breiten Branche verändern wollen und werden.
 
Wie groß ist die PropTech-Szene in Deutschland?
In der DACH-Region zählen wir aktuell rund 340 PropTechs. Darunter fallen in unserer Erfassung alle Unternehmen mit digitalem Geschäftsmodell und immobilienwirtschaftlichen Bezug. Ganz genau ist die Zahl allerdings nicht zu ermitteln. Einige dieser Unternehmen bewegen sich nämlich in Grenzbereichen und lassen sich nur schwer etwa von FinTechs (Financial Technology) abgrenzen. Andere wiederrum sehen sich selbst – noch nicht – als PropTech. Hinzu kommt, dass es eine ganze Reihe sehr junger Unternehmen gibt, die ihre Produkte oder Dienstleistungen zunächst mit kleinen Kundengruppen abseits des Marktgeschehens testen. Wir können diese Start-ups aber erst bei unseren Zählungen berücksichtigen und in unserer Statistik aufführen, wenn sie tatsächlich auch sichtbar operieren.

Wie ist die PropTech-Szene organisiert? Wie wird man Mitglied?
Die PropTech Szene in der DACH-Region wächst stetig. Wie auch in etablierten Branchen vernetzen sich die Unternehmer digitaler Geschäftsmodelle aktiv miteinander, um gemeinsam für ihre Belange einzutreten. Das unterstützen und fördern wir durch die German PropTech Initiative (GPTI), die wir vor einem Jahr ins Leben gerufen haben. Damit bieten wir PropTechs eine Plattform, über die sie untereinander, aber auch mit der etablierten Immobilienwelt in Kontakt treten können. Darüber hinaus bieten wir ihnen die Möglichkeit, für ihre Technologien und die daraus resultierenden Möglichkeiten Werbung zu machen. Dafür organisieren wir beispielsweise monatliche PropTech Meet-ups oder einen gemeinsamen Auftritt auf der Expo Real. In der GPTI kann jeder PropTech-Gründer Mitglied werden, der sich für genau diesen Austausch interessiert.
 
Mit welchen Themen bzw. Anwendungsbereichen beschäftigen sich die PropTechs? Gibt es Themenschwerpunkte?
Die meisten digitalen Unternehmer kommen nicht aus der Immobilienwirtschaft. Daher fokussieren sie sich in der Regel zunächst auf die Bereiche, deren Inneffizienzen für Branchenfremde von außen klar ersichtlich sind. Offensichtlich wurde das beispielsweise im Bereich der Mietwohnungsentwicklungen, als der Gesetzgeber vor zwei Jahren das Bestellerprinzip verabschiedet hat. Die Technologien der PropTechs sind vielfältig, nach und nach finden sie in immer mehr Bereichen der Branche Anwendung. Die Nutzung von künstlicher Intelligenz beispielsweise wird immer wichtiger, Virtual- und Augmented-Reality-Modelle werden zusehends weiterentwickelt, und zeitgleich entstehen immer mehr Plattformen für verschiedenste Matchings.

In welchem Thema bzw. Anwendungsbereich gibt es bisher die meisten marktfähigen Lösungen? Was hat schon kommerziellen Erfolg? Wie hoch ist die Erfolgsquote? Wie ist sie im Vergleich zu anderen Branchen zu bewerten?
Um die Frage nach den Erfolgen zu beantworten, müssen wir uns zunächst auf eine einheitliche Definition von Erfolg einigen. Es gibt immerhin digitale Geschäftsmodelle, bei denen es zunächst weniger darauf ankommt, positive Deckungsbeiträge zu generieren – denn in diesen Fällen misst sich der Erfolg vor allem über rasant steigende Nutzerzahlen. Selbst wenn ein PropTech mit dem laufenden Geschäft einen positiven Cashflow erzeugt, entscheiden sich viele Unternehmer im Sinne eines schnellen Wachstums dafür, zusätzliche Gelder einzuwerben und diese dann für die Eroberung neuer Märkte und Kunden einzusetzen. Eine Übersicht wo die Unternehmen im Einzelnen stehen, haben wir nicht. Größere Finanzierungsrunden sind in der Regel jedoch ein gutes Indiz dafür, dass die Zahlen stimmen.

Eignet sich das Immobilienmanagement besser oder schlechter für die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle? Warum?
Digitale Geschäftsmodelle werden regelmäßig nicht von Immobilienexperten entwickelt. Insoweit können die Technologieexperten von außerhalb der Branche zunächst nur Problemstellungen in Angriff nehmen, die für sie sichtbar werden. In der Verwaltung von Immobilien ist dies an vielen Stellen der Fall – denken Sie im wohnungswirtschaftlichen Bereich an den Vorgang des Mietvertragsabschlusses, Wohnungsübergaben, Nebenkostenabrechnungen oder Schadensmeldungen. So entwickeln sich bereits heute Geschäftsmodelle, die einen klaren Kundennutzen für den Mieter wie auch den Eigentümer haben. Mit dem Kundennutzen steigen Akzeptanz und Nutzerzahlen. Und mit steigenden Nutzerzahlen generieren diese Unternehmen dann Daten, die sich gezielt im Sinne der Transparenz für den Eigentümer oder auch für weitere Geschäfte auswerten und nutzen lassen. Insofern eignet sich der Bereich des Managements von Immobilien sehr für die Schaffung neuer Geschäftsmodelle.


Welche Schwierigkeiten haben die PropTechs, z. B. rechtliche Vorgaben, Kapitalbeschaffung, Infrastruktur, Arbeitskräfte finden, Innovationsfeindlichkeit der Branche etc.?
Die unternehmerischen Herausforderungen für die PropTechs sind sehr vielfältig. Neben Fragen rund um die Attrahierung von Fachpersonal und die Finanzierung des Unternehmens sehe ich in der Immobilienwirtschaft für die jungen Unternehmen vor allem zwei zentrale Herausforderungen. Zum einen müssen die meisten Gründer aufgrund ihrer Geschäftsmodelle irgendwann an oder in die Immobilie. Insbesondere im B2B-Bereich ist es dabei absolut erfolgskritisch, Zugang zu den entscheidenden Leuten zu haben.
Zum anderen tun sich viele Etablierte noch schwer damit, dass die jungen „wilden“ Unternehmer ihnen nicht wie gewohnt ein vollständig entwickeltes Produkt anbieten. Sondern ihnen ganz im Sinne des lean Start-ups zunächst ein MVP (Minimum Viable Product) präsentieren – also ein auf wesentliche Funktionsmerkmale reduziertes Produkt, das erst in der Interaktion mit dem Nutzer und ausgerichtet auf die tatsächlichen Kundenbedürfnisse weiterentwickelt wird. Gerade in der komplexen Immobilienwelt scheint der Nutzen eines MVP oft zunächst nicht durch und überzeugt in vielen Fällen einfach nicht. Insbesondere, wenn vermeintlich „digitale“ Prozessschritte im Hintergrund zunächst „manuell“ laufen, sind viele Etablierte sehr skeptisch.
Wenn man aber darauf vertraut, dass alles, was digitalisierbar ist, auch tatsächlich digitalisiert werden wird und dass das schon in kurzer Zeit umsetzbar ist, dann macht es durchaus Sinn, vor der Entwicklung der Software den tatsächlich nachgefragten Kundennutzen genau zu analysieren. PropTechs denken ihre Produkte vom Kundennutzen her und setzen dort mit der Entwicklung an – genau damit werden einige von ihnen die Immobilienbranche deutlich verändern. Auch deshalb bin ich ein großer Freund von gezielten gemeinsamen Projekten zwischen PropTechs und Etablierten. Richtig aufgesetzt und strukturiert können beide Parteien in diesem Prozess viel voneinander lernen.
 
Wer investiert in PropTechs?
In der frühen Phase zwischen MVP und dem ersten zahlenden Kunden beispielsweise unser Accelerator-Fonds blackprint Booster oder Business Angel aus dem family & friends-Umfeld beziehungsweise aus unserer Branche. Viele PropTechs erkennen derzeit, dass es sinnvoll sein kann, gut vernetzte Brancheninsider als Verbündete und Angel-Investoren zu gewinnen. Auf der anderen Seite sind immer mehr Immobilienunternehmer bereit, junge PropTechs mit Kapital auszustatten. Das kann eine gute Kombination sein. Bei fortgeschrittenen Unternehmen kommen dann auch Venture Capitals oder strategische Investoren infrage. Bevor sich ein Unternehmer jedoch auf einen strategischen Partner aus der Branche einlässt, ist es wichtig, dass er sich eine Frage stellt: Kann ich, wenn ich international wachsen will, das in solch einer Partnerschaft auch wirklich realisieren?

Gibt es Beispiele für erfolgreiche Kooperationen mit etablierten Immobilienunternehmen?
Wie PropTechs und etablierte Unternehmen zielführend zusammenarbeiten können, haben wir in den vergangenen Monaten immer wieder in unserem Booster-Programm* gesehen. In der ersten Runde unseres Accelerators haben insgesamt neun strategische Programmpartner eng mit vier Start-ups zusammengearbeitet – Habitalix, Roomhero und Bespaced aus Deutschland und Moderan aus Estland. Einige Pilotprojekte sind dabei so gut verlaufen, dass mehrere Programmpartner auch über den Booster hinaus mit ausgewählten Start-ups weiterarbeiten wollen. Durch die unterschiedliche Expertise auf beiden Seiten entstehen spannende neue Produkte und Services. Genau das wollen wir mit dem Booster zeigen: Dass die Zusammenarbeit von Start-ups und Etablierten die ganze Branche voranbringt.