Einfluss des digitalen Wandels auf das Zentrale-Orte-System

An dieser Stelle berühren sich die hierarchische Strukturierung des Raumes und die Steuerung von raumwirksamen Ansiedlungsvorhaben mittels der Grundprinzipien des Kongruenzgebots, des Konzentrationsgebots, des Integrationsgebots, des Abstimmungsgebots und des Beeinträchtigungsverbots.

Der digitale Umbruch im Handel kann nicht unabhängig vom demografischen Wandel und der damit verbundenen Siedlungs- und Mobilitätsentwicklung betrachtet werden. Die Altersstrukturentwicklung begünstigt offensichtlich einen Prozess der Reurbanisierung, der die Nachfrageplattform im ländlichen und kleinstädtischen Raum schwächt. In die gleiche Richtung wirkt der Onlineeinzelhandel, der auch im ländlichen, kleinstädtischen Bereich den klassischen Versandeinzelhandel (kataloggestützt) weitgehend verdrängt hat. Die Flächentragfähigkeit für den stationären Einzelhandel im ländlichen, kleinstädtischen Raum lässt folglich generell nach.
Die Größe eines Einzugsgebiets wird maßgeblich durch die Verkaufsfläche eines Einzelhandelsbetriebes bestimmt. Gleiches gilt analog für die Gesamtverkaufsfläche einer Agglomeration. Die Vergrößerung von Einzugsgebieten eines (großflächigen) Ansiedlungsvorhabens kann gegen die vier Bewertungsprinzipien der Raumordnung verstoßen, am ehesten gegen das Kongruenz- und das Beeinträchtigungsverbot.

Der digitale Wandel im Einzelhandel kann übergemeindlich eher kooperative statt konfrontative Planungsprozesse begünstigen. Zwei Konstellationen sind hier allerdings zu unterscheiden:
Interessant werden interkommunale Planungskonzepte dann, wenn ein Vorhaben von einer Kommune raumordnerisch nicht allein, mit einer benachbarten Gemeinde, aber in Übereinstimmung mit den Planungsprinzipien integriert werden kann. Dieser Fall einer leistungssteigernden Kooperation dürfte gerade aufgrund der Herausforderungen durch den Onlineeinzelhandel zielführend, weil attraktivitätserhöhend sein. Er ist allerdings nur umsetzbar, wenn die vier Beurteilungsprinzipien flexibel gehandhabt werden.
In vielen Fällen interkommunaler Kooperation will man sich aber durch Erhalten des Status quo und Verhindern von Wettbewerb besser stellen als durch Wettbewerb mit den Nachbarkommunen. Abgesehen davon, dass es bei konsequenter Anwendung der genannten Grundprinzipien gar nicht zu raumordnerischen Konflikten kommen sollte, ist zu fragen, wieso interkommunale Planungskartelle die Bevölkerung besser stellen, als wenn Kommunen ihre eigenen Entwicklungspotenziale unter Beachtung des Beeinträchtigungsverbots ausschöpfen.