Stationärer Handel in den USA wächst – und polarisiert sich

In den USA ist der stationäre Einzelhandel nicht dem Untergang geweiht. Natürlich hat es Insolvenzen und Schließungen auch großer Handelsketten gegeben, aber insgesamt ist die Zahl stationärer Handelsgeschäfte in den USA auf Wachstumskurs.
 Im letzten Jahr haben Forbes zufolge per Saldo über 4.000 Läden mehr eröffnet als geschlossen. Der US-Einzelhandel hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert – allerdings nicht wegen des Onlinehandels. Die wesentliche Veränderung besteht darin, dass die beiden Enden der Handelslandschaft, preisorientierte Discountkonzepte am unteren und Premiumanbieter am oberen, überproportional gewachsen sind. Die Händler in der undifferenzierten Mitte sind die Verlierer dieser Entwicklung.

Laut einer Studie von DeLoitte aus dem Jahr 2018 haben 80% der US-Konsumenten in den letzten zehn Jahren eine dramatische Verschlechterung ihrer finanziellen Situation erlebt. Die unteren 40% der Einkommen haben dabei stagniert, die mittleren 40% haben verloren. Gleichzeitig hatten die beiden Einkommenskohorten einen teils drastischen Anstieg bei den lebensnotwendigen Kosten zu bewältigen:  Gesundheit +62%, Bildung +41%, Lebensmittel +17%, Wohnen +12%. Das Zusammenspiel signifikant steigender Lebenshaltungskosten bei stagnierenden bzw. sinkenden Einkommen zwang die Angehörigen der beiden Einkommensgruppen dazu, preisorientiert einzukaufen. Im gleichen Zehnjahreszeitraum stiegen die Einkommen der oberen 20% deutlich an. Der steigende Wohlstand hat zu dem massiven Wachstum von Premium-Handelskonzepten geführt, da die Reichen mehr Geld für exklusivere Dinge ausgegeben haben.  

Onlinehandel expandiert massiv stationär

Die Veränderungen im US-Handel sind keine Einbahnstraße. Wenn stationäre Händler mehr Tech-Unternehmen werden müssen, gilt umgekehrt: IT-Konzerne müssen erkennen, dass ihnen das Know-how im Handel fehlt. 2016 hat Amazon die Kette Whole Foods gekauft und besitzt seitdem über 450 stationäre Läden - und mehr von der Handelskompetenz, die es dringend braucht. Andere reine Onlinehändler wie  z. B. Warby Parker, INDOCHINO, UNTICKit, Everlane, Fabletics und viele andere expandieren ebenfalls stationär, u.a. weil stationäre Läden wichtig sind, um den nächsten Wachstumsschritt zu machen – und um profitabel zu werden.

Diese Entwicklung ist global zu beobachten, z. B. auch in China. Alibaba hat mit dem Konzept der Hema Supermärkte die stationäre Expansion eingeleitet und investiert im Zuge seiner „New Retail Strategy“ auch in andere Brick and Mortar-Konzepte, z. B. Beijing Easy home, die landesweit 229 Deko- und Baumärkte betreiben. Diese Entwicklung bedeutet: Weder On- noch Offlinehandel alleine kann mit dem sich ändernden Verbraucherverhalten Schritt halten. Die Lösung liegt in der Integration beider Welten.

Fazit zum US-Einzelhandel:

Auch in den USA ist der stationäre Einzelhandel lebendig und wächst. Ferner ist nicht einmal dort der Onlinehandel die treibende Kraft in der Veränderung der Handelslandschaft, vielmehr sind es die Einkommensentwicklung und die steigenden Lebenshaltungskosten der letzten zehn Jahre, die den Handel  massiv verändert und polarisiert haben. Das vermeintliche Händlersterben ist eine Marktbereinigung im Segment der in der Mitte positionierten Einzelhandelsformate. Das Wachstum im Einzelhandel findet an den Enden statt, bei Discountern und Premiumformaten. Ebenso wächst der Anteil des Onlinehandels. Onlinehändler stehen ebenfalls unter hohem evolutionärem Druck und integrieren stationäre Läden.