Eine echte Revolution

Wer schon immer davon träumte, ein Revolutionär zu sein, lebt in perfekten Zeiten. Wir alle müssen Revolutionäre werden – auch wenn es uns nicht bewusst ist. Denn die EU, und mit ihr im Einklang die Bundesregierung, hat beschlossen, die gesamte Wirtschaft auf Nachhaltigkeit umzustellen. Nachhaltigkeit ist hier und im Folgenden im Sinne von ESG (Environmental, Social, Governance) gemeint, also als ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Zukunftsfähigkeit.

Internationale Vereinbarungen wie das Pariser Klimaabkommen und die Sustainable Development Goals (SDG) der UN sind die Grundlage für den angestrebten Wandel, aber die politische Umsetzung erfolgt in der EU und den Mitgliedsstaaten. Die Finanzwirtschaft ist das Vehikel für die Transformation der gesamten Wirtschaft.

Der EU-Aktionsplan hat drei Hauptziele:

  • Die Neuausrichtung der Kapitalströme auf eine nachhaltige Wirtschaft, um so die Realwirtschaft entsprechend zu transformieren
  • Deutlich bessere Abbildung finanzieller Risiken aus dem Klimawandel in Investitions- und Finanzierungsentscheidungen
  • Höhere Transparenz und Langfrist-orientierung von Finanz- und Realwirtschaft

Die Bedeutung für die (Handels-)Immobilienwirtschaft ist in diesem revolutionären Prozess nicht zu unterschätzen. Um sie zu verstehen, muss man einen Blick auf das Gesamtbild werfen. Das Schlagwort der EU zu dem Themenkomplex lautet New Green Deal. Dieser Klimapakt gibt die europäische Marschroute der grünen Revolution vor. Er ist zugleich Wachstumsstrategie und Fahrplan, die beide zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft führen sollen.

Die Eckpfeiler

  • Bis 2050 eine treibhausgasneutrale EU
  • Eine positive wirtschaftliche Entwicklung für dauerhaften Wohlstand
  • Der Finanzsektor als Schlüssel der Entwicklung (Sustainable Finance)
  • Als zentrale Triebfeder: die Marktkräfte

Sustainable Finance soll diese Transformation und eine hohe Resilienz des Finanzsektors erreichen. Resilienz, also widerstands- und anpassungsfähige Strukturen, gilt als notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Transformation. Das eindrückliche Ziel dahinter: Finanzkrisen, wie zuletzt 2008, sollen unbedingt verhindert werden.

Somit ist der New Green Deal gleichermaßen Weckruf und Warnung. Die Dringlichkeit dieser Forderungen ist jedoch vielerorts noch nicht angekommen. Auch viele Unternehmen aus dem Segment Handelsimmobilien haben sich noch nicht oder nicht genug damit beschäftigt. Die Vielzahl der anstehenden Themen ist groß. Dazu zählen beispielsweise künftige Anforderungen an Berichtspflichten (eigene und die von Kunden und Dienstleistern) oder Gebäudezertifizierungen wie BREEAM, DGNB oder LEED.

Entscheider sollten vor diesen neuen To-dos nicht die Augen verschließen. Sie sind zu bewältigen, sobald man sich auf den Weg macht. Umfangreicher wird es, wenn man daraus entsprechende Instrumente ableitet wie eigene Maßnahmen zum Klimaschutz, das Ergänzen der Berichterstattung, das Anpassen des Risikomanagements und die Bereitstellung von Daten für Kunden.

Wie aber lässt sich die Transformation praktisch umsetzen? Ein Zentralfaktor ist das Schaffen einer soliden und aussagekräftigen Datengrundlage zur Beurteilung nachhaltigkeitsbezogener Chancen und Risiken in den Unternehmen, in die investiert werden soll. Just diese Datenlage ist allerdings das größte Problem. Denn es fehlen in der Regel historische Angaben zu Nachhaltigkeitsaspekten, sodass sich etwa das Messen und Aufzeigen von Veränderungen oft als knifflig erweisen kann. Die Definition von Ausgangsdaten ist aber eine Herausforderung, der sich die Branchenmitglieder stellen müssen – natürlich auf Basis der für sie geltenden Regularien.

Hier gilt es, Finanzberichte so zu nutzen, dass aussagekräftige Bezüge zwischen Nachhaltigkeitskennzahlen und Bilanzdaten hergestellt werden können (mehr dazu ab Seite 30). Die Offenlegungspflichten der Finanzmarktakteure sind so anzupassen, dass sich Anleger, Investoren und Kreditgeber ein realistisches Bild machen können. Dies stellt eine echte Herausforderung für jedes Immobilienunternehmen dar, zumal die neue Berichterstattung letztlich für alle Marktteilnehmer gelten wird. Eine schrittweise Ausweitung auf kapitalmarktferne kleine und mittelständische Unternehmen ist vorgesehen.